Open Source wird Standard in der Verwaltung — ich hab 2003 damit angefangen

Im Oktober 2003 habe ich an der Bergischen Universität Wuppertal den E-Mail-Server des Fachbereichs Druck- und Medientechnologie von Windows NT auf Debian Linux migriert. Kerio Mailserver raus, Postfix rein. Den Webserver gleich mit — von SuSE auf Debian, TYPO3 lief weiter. Nicht weil mir jemand gesagt hat, ich soll Open Source einsetzen. Sondern weil es die bessere Lösung war.

22 Jahre später beschließt der IT-Planungsrat: Open Source wird bei neuer Software zum Standard in der öffentlichen Verwaltung. Acht überarbeitete EVB-IT-Vertragsvorlagen machen es möglich. Man könnte sagen — es wurde auch Zeit.

Was sich konkret ändert

Der IT-Planungsrat hat auf seiner 48. Sitzung acht der sogenannten EVB-IT-Musterverträge überarbeitet — das sind die Ergänzenden Vertragsbedingungen für IT-Dienstleistungen, also die Vertragsvorlagen, nach denen Bund, Länder und Kommunen Software einkaufen. Bisher waren die ausschließlich auf proprietäre Software ausgelegt. Open-Source-Anbieter konnten sich an vielen Vergabeverfahren faktisch nicht beteiligen.

Das ändert sich jetzt. Die wichtigste Neuerung: Im EVB-IT Erstellung wird Open Source zum Standard. Neue Software soll als quelloffene Software entwickelt und auf OpenCoDE veröffentlicht werden — dem zentralen Repository der öffentlichen Verwaltung. Dazu kommt die Pflicht zur Übergabe einer SBOM, einer maschinenlesbaren Stückliste aller verwendeten Softwarekomponenten. Das klingt technisch, ist aber entscheidend: Wer weiß, was in seiner Software steckt, kann Schwachstellen schneller finden und beheben.

In Vorlagen, bei denen sowohl Open Source als auch proprietäre Software in Frage kommt, gibt es jetzt Ankreuzfelder. Behörden können gezielt Open Source wählen. So einfach kann es sein — wenn man halt 20 Jahre darüber nachdenkt.

Warum das überfällig war

Die Open Source Business Alliance hatte bereits 2015 eine Handreichung veröffentlicht, um Behörden beim Einkauf von Open Source mit den alten Vorlagen zu unterstützen. Es hat nicht gereicht. Viele Beschaffungsstellen haben die bisherigen EVB-IT so interpretiert, dass Open Source rechtlich nicht sicher beschafft werden kann. Das Ergebnis: Weniger Angebote, weniger Wettbewerb, mehr Abhängigkeit von einzelnen Anbietern.

Der Grundsatz „Public Money, Public Code" — öffentlich finanzierter Code soll öffentlich verfügbar sein — wird damit auf Vertragsebene verankert. Und Schleswig-Holstein zeigt, dass das keine Theorie ist: Das Land spart nach eigenen Angaben rund 15 Millionen Euro pro Jahr an Lizenzkosten. Die einmaligen Investitionen für Migration und Weiterentwicklung: neun Millionen Euro. Rund 80 Prozent der Arbeitsplätze außerhalb der Steuerverwaltung arbeiten bereits ohne Microsoft Office.

Was ich damals gemacht habe — und warum es relevant ist

Ich war 2003 studentische Hilfskraft am Lehrstuhl „Digitale Druckvorstufe". Meine Aufgabe: 12 Mac-OS-X-Clients und einen Server administrieren. Die beiden Migrationsprojekte — E-Mail und Webserver — habe ich selbstständig von der Planung bis zur Durchführung umgesetzt.

Ein halbes Jahr später, am Lehrstuhl für Produktionsplanung und -steuerung, ging es weiter: SuSE Linux 9.1 als Alternative zu Windows 2000 installieren und konfigurieren. Ein internes Wiki auf Basis von MediaWiki mit Apache2 und MySQL auf Debian GNU/Linux aufsetzen. Betriebssystem-Images mit Acronis TrueImage erstellen. Dokumentation. Die ganzen neun Meter.

Das war kein Idealismus. Das war Pragmatismus. Linux war stabiler, kostete nix, und ich konnte jedes Problem nachvollziehen, weil der Quellcode offen lag. Wenn ein Postfix nicht wollte, habe ich in der Config nachgeschaut — nicht beim Hersteller ein Support-Ticket eröffnet und drei Wochen gewartet.

Die eigentliche Erkenntnis

Die Technik war 2003 da. Die Tools waren da. Was gefehlt hat, waren die Strukturen — politisch, rechtlich, organisatorisch. Genau das wird jetzt nachgeholt. Die neuen EVB-IT sind kein technisches Update. Sie sind ein kulturelles.

Auch auf europäischer Ebene bewegt sich etwas: Die European Alliance for Industrial Data, Edge and Cloud hat Mitte 2025 eine Roadmap veröffentlicht, die Open Source als zentralen Pfeiler der europäischen Digitalstrategie positioniert. „Public Money, Public Code, Open Source First, European Preference" — so lautet die Empfehlung für öffentliche Beschaffungen. Die deutschen EVB-IT-Anpassungen dürften als Blaupause dienen.

Ich schaue auf meine Arbeitszeugnisse von damals und denke — es hat gedauert. Aber es passt.

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